Berlin. „Wer die hausärztliche Versorgung schwächt, wird an der Wahlurne abgestraft“, fasst Prof. Nicola Buhlinger-Göpfarth die aktuelle Stimmungslage von Bevölkerung und Hausarztpraxen zusammen. Bei der Pressekonferenz zu Beginn des Hausärztinnen- und Hausärztetages am Donnerstag (10.9.) in Berlin stellte sie mit ihrem Co-Bundesvorsitzenden des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes (HÄV) eine Umfrage unter 5.000 über 18-Jährigen vor. Die Ergebnisse könnten auch der Debatte um die Ausgestaltung des Primärversorgungssystems – insbesondere vor dem Hintergrund des Wahlerfolgs der AfD in Sachsen-Anhalt – den nötigen Fokus geben.
44 Prozent geben an, Versorgung hat sich verschlechtert
Denn auf einen Befragten, der eine Verbesserung der hausärztlichen Versorgung in den letzten fünf Jahren wahrnimmt, kommen demnach drei, die eine Verschlechterung spüren. 81 Prozent gaben an, dass die hausärztliche Versorgung entscheidend ihre Wohn- und Lebensqualität beeinflusse.
Und deutlich mehr Befragte sagen, dass die Sicherung der hausärztlichen Versorgung, ihre Entscheidung bei der kommenden Wahl beeinflusst. Dem stimmen aktuell 51 Prozent eindeutig oder eher zu, während es vor zwei Jahren noch 37,5 Prozent waren. Dass es nicht oder eher nicht wahlentscheidend sei, sagten 29 Prozent (in 2024 noch 45,4 Prozent).
Angesichts dessen und vor dem Hintergrund der jüngsten Wahl in Sachsen-Anhalt fordert der Verband vom neuen Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) einen 6-Punkte-Plan, um die hausärztliche Versorgung zu stabilisieren (s. Kasten). Die derzeit diskutierte Streichung der Fixkostendegression für die Betreuung von mehr Versicherten innerhalb der Verträge zur Hausarztzentrierten Versorgung (HZV) hätte eine „wahnsinnige Bedeutung für Praxen und Patienten“, ergänzte Buhlinger-Göpfarth. Zur Erinnerung: Die Fixkostendegression ist erst im Juni mit dem GKV-Spargesetz beschlossen worden und soll ab 1. Januar (neben anderen Maßnahmen) greifen.
“Wir schaffen ein Primärversorgungssystem”
„Es treibt uns um, dass eine in Teilen gesichert rechtsextreme Partei die Mehrheit in Sachsen-Anhalt errungen hat“, betonte Bundesvorsitzender Dr. Markus Blumenthal-Beier. Die Ausführungen im Wahlprogramm gegen anderssprachige Ärztinnen und Ärzte seien “ganz klar Rassismus”. Er bekräftigte, der Verband stehe hinter allen Ärztinnen und Ärzten.
„Unser Konzept zur Sicherung der Versorgung liegt mit HÄPPI auf dem Tisch und wir könnten bereits morgen auch in Thüringen oder Sachsen-Anhalt loslegen, wenn uns Politik und Kassen entsprechend unterstützen“, machte Buhlinger-Göpfarth deutlich. Mit solchen Teamstrukturen könne auch ein hausärztliches Primärversorgungssystem gestemmt werden, habe eine Bertelsmann-Studie gezeigt. Demnach verdoppelt eine HÄPPI-Teampraxis die Versorgungskapazität. Aktuell verhandele der Verband mit der AOK Nordost, um in weiteren Bundesländern die HZV-Verträge anzupassen und damit die wichtigen Teamstrukturen auf eine finanziell solide Basis zu stellen.
Ein weiterer Punkt ist aus Sicht des Verbandes bei der Gestaltung des Primärversorgungssystems essentiell. „Es muss in der Primärversorgung möglich sein, Patientinnen und Patienten abschließend zu behandeln, sonst nehmen Chaos und Termindruck zu – und schrotten das System!“, erklärte Blumenthal-Beier.
